{"id":257,"date":"2021-04-08T15:01:14","date_gmt":"2021-04-08T13:01:14","guid":{"rendered":"https:\/\/clan2.netordner.de\/?p=257"},"modified":"2021-04-08T16:36:42","modified_gmt":"2021-04-08T14:36:42","slug":"geschichte-der-entmenschlichung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/clan2.netordner.de\/?p=257","title":{"rendered":"Geschichte der Entmenschlichung"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Oder : 500 Jahre moderne Wissenschaft und Kapitalismus<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Hier ein Artikel aus Bl\u00e4tter 4\/21 <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die gro\u00dfe Trennung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Geburt der technokratischen Weltsicht und die planetarische Krise<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>von Fabian Scheidler<\/p>\n\n\n\n<p>Die Krise des durch massive menschliche Eingriffe besch\u00e4digten Lebens auf der Erde, die unter dem Namen Anthropoz\u00e4n firmiert, ist eng mit einem technokratischen Programm verbunden, das die Natur zu einer abgespaltenen und beherrschbaren Ressource in der Hand des Menschen degradiert. Obwohl die Naturwissenschaften \u2013 von der Quantenphysik bis zur Systembiologie \u2013 diese Vorstellung zum Teil l\u00e4ngst \u00fcberwunden haben, ist die technokratische Ideologie heute wirkm\u00e4chtiger denn je. Der Grund daf\u00fcr liegt in der engen Verbindung dieses Weltbildes mit dem vorherrschenden Wirtschaftsmodell.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sich die modernen Naturwissenschaften im 17. Jahrhundert in Europa entwickelten, vollzog sich gerade ein systemischer Umbruch, der in seiner Bedeutung nur mit der neolithischen Revolution \u2013 also der Entstehung der Landwirtschaft \u2013 vor etwa 10\u2009000 Jahren und der Formation der ersten Herrschaftsapparate und Staaten vor 5000 Jahren zu vergleichen ist. Es war die Geburt dessen, was man sp\u00e4ter das moderne, kapitalistische Weltsystem genannt hat.[1] In jahrhundertelangen K\u00e4mpfen untereinander und gegen die b\u00e4uerliche Bev\u00f6lkerung brachten Handelsmagnaten, Bankiers, Landesherren, R\u00fcstungsfabrikanten, Gro\u00dfgrundbesitzer und Teile der Kirche ein System hervor, das vollkommen neu in der menschlichen Geschichte war. Es sollte sich als das produktivste und dynamischste, aber auch gef\u00e4hrlichste und gewaltt\u00e4tigste Gesellschaftssystem erweisen, das <em>Homo sapiens <\/em>je geschaffen hat. In wenigen Jahrhunderten eroberte es den gesamten Globus und wurde so zur ersten weltumspannenden Zivilisation. Und zur ersten Zivilisation, die in der Lage ist, den Planeten zu zerst\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kern dieses neuartigen Systems ist die endlose Vermehrung von Kapital in einem ununterbrochenen Zyklus von Profit und Reinvestition. Darin unterscheidet es sich grundlegend von anderen historischen Herrschaftsordnungen wie etwa dem R\u00f6mischen Reich oder chinesischen Gro\u00dfreichen. Das Prinzip endloser Akkumulation ist in m\u00e4chtigen Institutionen verankert, darunter Aktiengesellschaften und Bankh\u00e4usern, deren einziger Zweck darin besteht, eingelegtes Kapital zu vermehren, egal mit welchen Mitteln. Heute kontrollieren die 500 gr\u00f6\u00dften multinationalen Konzerne, die nach diesem Prinzip organisiert sind, etwa 40 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung und zwei Drittel des Welthandels.[2]<\/p>\n\n\n\n<p>Die zweite tragende S\u00e4ule dieser neuen Ordnung war der moderne Milit\u00e4rstaat, der sich seit dem 16. Jahrhundert co-evolution\u00e4r mit den wirtschaftlichen Machtstrukturen entwickelte. F\u00fcr ihre immer gr\u00f6\u00dferen S\u00f6ldnerheere und Feuerwaffen brauchten die Landesherren enorme Mengen an Kapital, das ihnen die H\u00e4ndler und Bankiers als Kredit zur Verf\u00fcgung stellten. Das <em>return on investment <\/em>der Kreditgeber wiederum wurde aus den Raubz\u00fcgen der von ihnen finanzierten Heere bestritten. Militarisierte Staaten und privates Kapital waren auf diese Weise von Anfang an untrennbar verflochten. Dieses System war und ist auf permanente \u00f6konomische und milit\u00e4rische Expansion angewiesen, um das angelegte Kapital zu vermehren. Die von Europa ausgehende Kolonisierung der Welt war daher eine systemische Notwendigkeit, um die Maschinerie der Akkumulation in Gang zu halten.[3]<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Entwicklung hatte erhebliche Auswirkungen auf die Geburt der modernen Naturwissenschaften, ja, es gibt gute Gr\u00fcnde f\u00fcr die Annahme, dass sie ohne die kapitalistische Kriegs\u00f6konomie in dieser Form gar nicht entstanden w\u00e4ren. H\u00e4ndler, Bankiers und Landesherren brauchten f\u00fcr ihre Unternehmungen Technologie, zumal sie stets f\u00fcrchten mussten, von der Konkurrenz \u00fcberrollt oder verdr\u00e4ngt zu werden. Eine Klasse von <em>ingeniarii<\/em>entstand, zu denen auch Erfinder wie Leonardo da Vinci und Galileo Galilei geh\u00f6rten, die einen erheblichen Teil ihres Lebensunterhalts mit der Entwicklung milit\u00e4rischer Vorrichtungen bestritten. Die Entdeckung und mathematische Beschreibung der Fallgesetze und der Wurfparabel durch Galileo etwa hatte eine wichtige milit\u00e4rische Bedeutung, konnte man damit doch die Flugbahnen von Kanonenkugeln wesentlich besser berechnen. Auch Newtons Hauptwerk, die \u201e<em>Principia Mathematica\u201c <\/em>(1687), in dem er seine Gravitationstheorie und die Grundlagen der Mechanik niederlegte, entsprang keineswegs einer Elfenbeinturm-Wissenschaft, sondern antwortete bis ins Detail auf die technischen Bed\u00fcrfnisse der damaligen Kriegsf\u00fchrung, der Schifffahrt und des Bergbaus. Berechenbarkeit wurde zu einer entscheidenden Kategorie f\u00fcr Milit\u00e4rs, staatliche Beamte, Buchhalter und Investoren. Daher ist es kein Wunder, dass auch in der damaligen Forschung das Messen und Z\u00e4hlen immer mehr Vorrang vor qualitativen Betrachtungen bekam. Die Kultur, in der die modernen Wissenschaften geboren wurden, war vom Rechnen geradezu besessen, denn davon hing der milit\u00e4rische, politische und \u00f6konomische Erfolg entscheidend ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Pioniere der neuzeitlichen Naturwissenschaften konnten meist nur ihren Lebensunterhalt verdienen und Karriere machen, wenn sie den Fokus ihrer Untersuchungen auf Dinge konzentrierten, die privaten und staatlichen Geldgebern n\u00fctzlich waren. \u00d6konomie, Milit\u00e4r und Politik hatten daher erheblichen Einfluss auf die Auswahl von Forschungsgegenst\u00e4nden und Methoden. Es war au\u00dferdem keine Seltenheit, dass Wissenschaftler unmittelbar an der kapitalistischen Eroberung der Welt beteiligt waren. Viele der f\u00fchrenden K\u00f6pfe der fr\u00fchneuzeitlichen Wissenschaft, darunter Francis Bacon, Robert Boyle, Christiaan Huygens, John Locke und Isaac Newton, waren Anteilseigner, Mitarbeiter oder sogar Direktoriumsmitglieder der gro\u00dfen Aktiengesellschaften, die gewaltsam die Kolonisierung Nordamerikas, Asiens und Afrikas vorantrieben. F\u00fcr einige dieser Forscher war die Verbindung zum kolonialen Projekt nicht allein eine Sache der pers\u00f6nlichen Bereicherung. F\u00fcr Robert Boyle etwa, einen gl\u00fchenden Puritaner, war die Expansion des britischen Imperiums durch Aktiengesellschaften ein Mittel, um, wie er es ausdr\u00fcckte, das \u201eImperium des Menschen \u00fcber die niederen Gesch\u00f6pfe\u201c herzustellen, das Adam in der Genesis verhei\u00dfen worden war (\u201eMacht euch die Erde untertan.\u201c). Christliche Mission, Kapitalakkumulation, koloniale Gewalt und Wissenschaft formierten sich zu einer Quadriga der Welteroberung und der Beherrschung der \u201eniederen Gesch\u00f6pfe\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Natur als Objekt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Selbst wenn Forscher nicht so unmittelbar in die kapitalistische Expansion verstrickt waren wie etwa Boyle oder Bacon, so atmeten sie doch die Weltanschauung der Schicht, in der sie verkehrten und von der sie bezahlt wurden, t\u00e4glich mit ein. Und diese Geisteshaltung war stark von einer Kultur der Berechnung gepr\u00e4gt. Die Welt war zu einem Spielfeld aus Ressourcen und Risiken geworden, auf dem es galt, sich durch geschicktes Kalk\u00fcl m\u00f6glichst viel anzueignen. Die Natur wurde so von einem lebendigen Netz, in das die Menschen eingebettet waren, Schritt f\u00fcr Schritt zu einem <em>Objekt<\/em>, das ihnen gegen\u00fcberstand.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Epoche der Renaissance, in der sich das neue System formierte, war gepr\u00e4gt von diesem fundamentalen kosmologischen Umbruch. Auf der einen Seite standen verschiedene Formen \u201eorganischer\u201c Weltbilder, die den Kosmos als ein Ganzes auffassten, beseelt von einer anima mundi (Weltseele).Giordano Bruno (1548-1600) etwa vertrat die Auffassung, dass das Universum sowohl unendlich als auch durchgehend beseelt sei, eine Idee, f\u00fcr die er von der r\u00f6mischen Inquisition schlie\u00dflich bei lebendigem Leibe verbrannt wurde. \u201eEs ist nicht vern\u00fcnftig, zu glauben\u201c, schrieb er, \u201edass irgendein Teil der Welt ohne Seelenleben, Empfindung und organische Struktur sei.\u201c[4] Johannes Kepler stand, eine Generation sp\u00e4ter, bereits an der Scheidelinie zu einer mechanistischen Betrachtungsweise. Er teilte zwar das organische Weltbild, insofern er zumindest die Erde als lebendiges Ganzes mit einer anima terrae ansah; zugleich aber schien ihm die Organismusmetapher nicht hilfreich, um die Bewegung der Gestirne zu verstehen. So schrieb er 1605 an einen Freund: \u201eMein Ziel ist es zu zeigen, dass die Himmelsmaschine nicht einem g\u00f6ttlichen Organismus gleicht, sondern einem Uhrwerk.\u201c[5] Die im 14. Jahrhundert erfundene mechanische Uhr wurde zu einer zentralen Metapher f\u00fcr das neue Zeitalter. Doch erst in der Epoche des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges (1618-1648) \u2013 eine weitere Generation sp\u00e4ter \u2013 traten Philosophen und Naturforscher wie Ren\u00e9 Descartes, Pierre Gassendi und Thomas Hobbes auf den Plan, die nicht nur die Planetenbewegungen, sondern auch die gesamte lebendige Welt als eine Maschine betrachteten (wobei Descartes den menschlichen Geist davon ausnahm).<\/p>\n\n\n\n<p>Es w\u00e4re allerdings irref\u00fchrend zu glauben, dass dieser kosmologische Umbruch bereits im 17. Jahrhundert die ganze Gesellschaft erfasst h\u00e4tte. Zum einen waren die Ansichten der Mechanisten zu ihrer Zeit und auch noch Jahrhunderte sp\u00e4ter Gegenstand erbitterter Kontroversen, auch unter Wissenschaftlern. Zum anderen beschr\u00e4nkte sich die mechanistische Philosophie zun\u00e4chst auf eine bestimmte Schicht von \u2013 fast ausschlie\u00dflich m\u00e4nnlichen \u2013 Gelehrten und Ingenieuren sowie Kaufleuten, Fabrikbesitzern, Regenten und Milit\u00e4rs, deren Art, mit der Welt umzugehen, durch die neue Lehre reflektiert und legitimiert wurde. Menschen hingegen, die den gr\u00f6\u00dften Teil ihrer Zeit mit Sorge- und Beziehungst\u00e4tigkeiten verbringen, etwa subsistenter Landwirtschaft, Kindererziehung oder Betreuung von alten Menschen, konnten der Idee, dass die Welt eine Maschine ist, stets wenig abgewinnen. Erst in dem Ma\u00dfe, wie die gesamte Gesellschaft, von der Schule \u00fcber die Landwirtschaft bis zur Fabrik, nach dem Modell der Maschine umgebaut wurde, konnte sich die technokratische Ideologie in der Breite durchsetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gro\u00dfe Trennung l\u00e4sst sich auf verschiedenen Ebenen verfolgen.[6] In der Malerei etwa, die in den fr\u00fchkapitalistischen Zentren Italiens und der Niederlande eine rasante Entwicklung durchmachte, setzte sich seit dem 15. Jahrhundert nach und nach die Zentralperspektive durch, die auch f\u00fcr unsere heutige Bilderwelt bis hin zum Cyberspace charakteristisch ist. W\u00e4hrend in fr\u00fcheren Darstellungen, ob im europ\u00e4ischen Mittelalter oder im alten \u00c4gypten, Figuren und Dinge nach ihrer Bedeutung und ihren Beziehungen geordnet waren, sind sie in der Zentralperspektive entlang einer Linie angeordnet, die vom Auge des Betrachters zu einem imagin\u00e4ren Fluchtpunkt in der Ferne f\u00fchrt. Der Mensch steht einer durchschaubaren und mathematisch geordneten Welt gegen\u00fcber, die er erobern und sich aneignen kann.[7] Als Hilfsmittel zur Konstruktion der Perspektive wurde oft ein Fadengitter benutzt, das die Welt in Planquadrate zerlegte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Obsession der Zerlegung, die pr\u00e4gend f\u00fcr die westliche Moderne werden sollte, hatte zwei verschiedene Seiten: Zum einen machte sie eine bis dahin unerh\u00f6rte Genauigkeit der Untersuchung m\u00f6glich und f\u00f6rderte auf diese Weise verborgene Strukturen sowohl der anorganischen als auch der organischen Sph\u00e4re zutage. Diese rigorose Konzentration hat erheblich zu den Erfolgen der Naturwissenschaften beigetragen. Auf der anderen Seite machte dieser Fokus aber auch viele Zusammenh\u00e4nge unsichtbar. Insbesondere Kreislaufprozesse, die in der Natur eine so wichtige Rolle spielen, wurden auf diese Weise ausgeblendet. Es ist bemerkenswert, dass trotz der enormen Entwicklung der Naturwissenschaften seit dem 17. Jahrhundert erst in den 1940er Jahren die einfachen Prinzipien kybernetischer Regelkreise formuliert wurden.[8] Lebende Systeme beruhen auf komplexen Wirkungskreisen, bei denen jeder Teil zugleich Ursache und Wirkung sein kann. Zerlegt man diese ineinander verschlungenen Kreisl\u00e4ufe in einzelne Kausalvorg\u00e4nge, um lineare Gleichungen vom Typ \u201eaus A folgt B\u201c zu erhalten, dann versteht man zwar die Details immer genauer, das Ganze aber immer weniger. Ein kurzer Abschnitt eines gro\u00dfen Kreises kann einer Geraden zum Verwechseln \u00e4hnlich sehen \u2013 und so zu der Illusion verf\u00fchren, die Zusammensetzung solcher Teilst\u00fccke w\u00fcrde am Ende eine lineare Kausalkette ergeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf diesem Irrtum beruht die Idee, der Mensch k\u00f6nne die Natur steuern und beherrschen, wenn er nur all die kleinen Kausalabschnitte addiert und die Parameter kontrolliert. Ein typisches Beispiel f\u00fcr diese T\u00e4uschung ist der Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft. Die Anwendung der Chemikalien t\u00f6tet zwar zun\u00e4chst die Sch\u00e4dlinge und steigert die Ertr\u00e4ge in linearer, berechenbarer Weise, doch wird zugleich der gesamte Kreislauf unterbrochen, in dem Insekten, Pilze und Pflanzen, die durch das Mittel ausgel\u00f6scht werden, eine entscheidende Rolle spielen. In der Folge verschwinden best\u00e4ubende Insekten und mit ihnen die V\u00f6gel, Bodenlebewesen sterben, die Fruchtbarkeit sinkt, und multiresistente Sch\u00e4dlinge breiten sich aus, die nun ein leichtes Spiel haben, weil auch ihre Fressfeinde ausgerottet wurden. Am Ende kann der Acker nur noch durch einen st\u00e4ndig steigenden Einsatz von weiteren Pestiziden und D\u00fcngern produktiv gehalten werden, bis er irgendwann tot ist. Die \u00f6kologische Vernichtung, die am Ende dieser Entwicklung steht, ist keine zuf\u00e4llige \u201eNebenwirkung\u201c, sondern die zwingende Konsequenz, wenn man lebendigen Kreisl\u00e4ufen mit Methoden zu Leibe r\u00fcckt, die daf\u00fcr ersonnen wurden, die Flugbahnen von Kanonenkugeln zu errechnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Mensch als Objekt und die Spaltung von K\u00f6rper und Geist<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nicht allein die mineralische, pflanzliche und tierische Welt wurde infolge der Gro\u00dfen Trennung zum Objekt, zur blo\u00dfen Ressource reduziert, sondern auch der Mensch selbst. Am offensichtlichsten war dies im transatlantischen Sklavenhandel. Vom 16. bis ins 19. Jahrhundert verschleppten europ\u00e4ische Sklavenh\u00e4ndler etwa zw\u00f6lf Millionen Menschen aus Afrika und verschifften sie in die Karibik, nach Brasilien und in die heutigen USA, um sie dort an Zucker-, Tabak-, Kaffee- und Baumwollproduzenten zu verkaufen. In den Schiffen wurden die Menschen wie Mehls\u00e4cke verladen, ein betr\u00e4chtlicher Teil starb bereits auf der \u00dcberfahrt. Im franz\u00f6sischen Code Noir, der bis 1848 in Kraft war, wurden Sklaven als <em>meubles <\/em>definiert, also als bewegliche Gegenst\u00e4nde, die der totalen Verf\u00fcgungsgewalt ihrer Eigent\u00fcmer ausgeliefert waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Der transatlantische Sklavenhandel war historisch eng mit der Ausbreitung der mechanistischen Philosophie verbunden. Descartes hatte eine scharfe Trennung zwischen den Menschen und der \u00fcbrigen Sch\u00f6pfung eingef\u00fchrt, indem er behauptete, dass Tiere nur Automaten seien, der Mensch allein dagegen \u00fcber Geist und Empfindungen verf\u00fcge. Auf dieser Grundlage gen\u00fcgte es, bestimmte Menschen einfach etwas n\u00e4her an das Tierreich zu r\u00fccken, um die Sklaverei zu rechtfertigen. Die rassistischen Traktate und Pseudowissenschaften, die mit dem Aufschwung der Sklaverei ins Kraut schossen, sprachen Afrikanern und anderen Nichtwei\u00dfen wesentliche menschliche Eigenschaften wie Intellekt und h\u00f6here Sensibilit\u00e4t einfach ab. Damit wurde ein betr\u00e4chtlicher Teil der Menschheit ein St\u00fcck weit in die Kategorie der Tiere verschoben \u2013 und damit, im Weltbild der Mechanisten, der Automaten. Die Insel des Geistes, von der bereits die nichtmenschlichen Wesen vertrieben worden waren, wurde ein weiteres St\u00fcck kleiner, sie war nun ausschlie\u00dflich den Wei\u00dfen vorbehalten, w\u00e4hrend der Rest der Menschheit Teil einer geistlosen \u201eNatur\u201c wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>In die gleiche Zeit wie der Aufschwung der Sklaverei und die Geburt des mechanistischen Weltbildes fallen die H\u00f6hepunkte der Hexenverfolgungen in Europa und Nordamerika. In den von Staat und Kirche betriebenen Hetzkampagnen wurden vor allem Frauen d\u00e4monisiert und als irrational gebrandmarkt. So wurden auch sie von der Insel des Geistes, der Zivilisation und der Kultur verbannt und dem Bereich der \u201eNatur\u201c zugerechnet, den es zu z\u00e4hmen und zu beherrschen galt.[9]<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;Der Prozess der Trennung, Verdinglichung und Atomisierung machte auch vor dem Rest der Bev\u00f6lkerung einschlie\u00dflich der wei\u00dfen M\u00e4nner nicht halt. Die stetige Ausweitung der kapitalistischen Produktion in Bergwerken, Manufakturen und Landwirtschaft brauchte frei verf\u00fcgbare Arbeitskr\u00e4fte, die bereit waren, sich gegen Lohn zu verdingen. In der Fr\u00fchen Neuzeit taten die meisten Menschen dies keineswegs freiwillig, solange sie noch in einem funktionierenden Netzwerk lebten, in dem sie relativ selbstbestimmt f\u00fcr den Bedarf der Gemeinschaft produzieren konnten. Zw\u00f6lf Stunden t\u00e4glich unter dem Kommando eines Chefs zu stehen, der jeden Arbeitsschritt \u00fcberwachte, und gegen einen Hungerlohn Waren f\u00fcr einen anonymen Markt zu produzieren, war alles andere als attraktiv. Aus diesem Grund setzten Gro\u00dfgrundbesitzer, Fabrikanten und Regenten auf Repression: Drakonische Strafen gegen sogenannte Vagabunden, die Einrichtung von Arbeitsh\u00e4usern mit Zwangsarbeit und die gezielte Abschaffung von Wohlfahrtsleistungen hatten das ausdr\u00fcckliche Ziel, die widerspenstige Bev\u00f6lkerung in die Lohnarbeit hineinzuterrorisieren. Arbeitsm\u00e4rkte sind historisch keineswegs auf nat\u00fcrliche Weise entstanden, wie es moderne \u00f6konomische Mythen wollen, sondern zu einem wesentlichen Teil durch physische und strukturelle Gewalt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ursache f\u00fcr den Widerstand gegen die Lohnarbeit lag nicht allein in zu geringen L\u00f6hnen, sondern auch in der mit ihr einhergehenden Entfremdung und sozialen Atomisierung. Wie der Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi in seinem Buch \u201e<em>The Great Transformation\u201c <\/em>anschaulich zeigt, bedeutet die Schaffung eines Arbeitsmarktes nichts Geringeres, als den Menschen zu einer Ware wie jede andere zu reduzieren, die genauso gekauft und verkauft werden kann wie Baumwollballen und die jederzeit und \u00fcberall verf\u00fcgbar sein muss, ohne R\u00fccksicht auf kulturelle und soziale Bindungen.[10] W\u00e4hrend Wissenschaftler die Natur in immer kleinere Bestandteile zerlegten, zerteilten Unternehmer und staatliche Akteure das Gewebe der Gesellschaft in atomisierte Wirtschaftssubjekte, die frei verf\u00fcgbar und kombinierbar sein sollten. An die Stelle eines Netzes von kooperativen Beziehungen in einer Gemeinschaft trat die Konkurrenz um Arbeit und Geld. Der nutzenoptimierende <em>Homo oeconomicus <\/em>ist keineswegs der \u201eNaturzustand\u201c des Menschen, wie der Mainstream in der heutigen \u00d6konomik behauptet, sondern eine historische Deformation.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was z\u00e4hlt, ist allein, was man z\u00e4hlen kann<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In der entfremdenden Lohnarbeit finden wir genau jene Trias wieder, die den Kern der technokratischen Ideologie bildet. Erstens: Was z\u00e4hlt, ist allein, was man z\u00e4hlen kann, in diesem Fall der \u00f6konomische Output und das Geld. Die erlebte Qualit\u00e4t und der Inhalt der Arbeit werden zum subjektiven Rest, auf den es nicht wirklich ankommt und der auch fast nie Gegenstand gr\u00f6\u00dferer gesellschaftlicher Debatten ist. Zweitens: Der Mensch wird zum austauschbaren Objekt einer totalen Logistik in einer globalen Lego-Welt. Er ist nicht mehr eingebunden in Landschaften und soziale Beziehungsgef\u00fcge (von der Kleinfamilie vielleicht abgesehen), sondern als abgetrenntes Individuum verf\u00fcgbar. Der <em>Leiharbeiter <\/em>ist heute zum Sinnbild dieser Entwurzelung geworden. Und drittens: An die Stelle von selbstorganisierenden kulturell-\u00f6kologischen Kreislaufprozessen treten lineare Ursache-Wirkungs-Ketten, die auf dem Prinzip von Befehl und Gehorsam beruhen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es hat \u00fcber 200 Jahre gedauert, bis sich Menschen so weit an diese Atomisierung und Entfremdung gew\u00f6hnt haben, dass es ihnen heute als etwas Nat\u00fcrliches erscheint, ihre Haut zu Markte zu tragen und die eigenen Kinder schon im Vorschulalter f\u00fcr den globalen Wettbewerb zu trimmen. Allerdings ist diese Gew\u00f6hnung keineswegs mit Enthusiasmus zu verwechseln: Laut einer Umfrage des renommierten Meinungsforschungsinstituts Gallup in 142 L\u00e4ndern sind nur 13 Prozent der Werkt\u00e4tigen weltweit bei ihrer Arbeit motiviert.[11]<\/p>\n\n\n\n<p>Die systematische Unterwerfung des t\u00e4tigen Menschen unter fremde Zwecke f\u00fchrte zu einer tiefgreifenden Spaltung von K\u00f6rper, Geist und Seele, die charakteristisch f\u00fcr die westliche Moderne werden sollte. Je bestimmender die \u201eSachzw\u00e4nge\u201c des gro\u00dfen R\u00e4derwerks wurden, desto weniger war es tolerierbar, dass Menschen ihren eigenen Gef\u00fchlen, Gedanken und Impulsen folgten. Die Gro\u00dfe Trennung spaltete daher nicht allein die Kultur von der Natur ab und trieb einen Keil zwischen die zunehmend atomisierten Individuen, sondern sie erzeugte auch einen tiefen Riss, der mitten durch den Menschen selbst verl\u00e4uft.<\/p>\n\n\n\n<p>Die modernen Disziplinaranstalten, die der franz\u00f6sische Philosoph Michel Foucault so eindringlich beschrieben hat, spielten dabei eine entscheidende Rolle. In den seit dem 17. Jahrhundert aufgebauten stehenden Heeren wurden Menschen mit immer raffinierteren Methoden dazu gedrillt, ihre eigenen Gedanken, Gef\u00fchle und K\u00f6rperimpulse so vollst\u00e4ndig wie m\u00f6glich zu unterdr\u00fccken, um auf Befehl wie gut ge\u00f6lte Roboter zu funktionieren. Die Schule, die im 18. Jahrhundert nach dem Vorbild des Milit\u00e4rs geschaffen wurde, trainiert diesen Modus der Entfremdung schon im Kindes- und Jugendalter. Auf den Schulb\u00e4nken lernen wir oft bis heute, unseren K\u00f6rper \u00fcber viele Stunden jeden Tag in unbewegliches Sitzfleisch zu verwandeln, um abstraktes, von leiblicher Erfahrung abgeschnittenes Wissen in uns aufzunehmen. Zwar lernen wir auf diese Weise relativ wenig \u00fcber die wirkliche Welt, da echtes Lernen nur gelingt, wenn es mit allen Sinnen geschieht. Aber wir lernen \u2013 und das ist der tiefere Zweck dieser Art von Beschulung \u2013, das seelisch-geistig-k\u00f6rperliche Kontinuum, das mit seiner Mitwelt verbunden ist, zu zerbrechen und die Impulse unseres K\u00f6rpers zu missachten. Denn nur so k\u00f6nnen wir auf all die entfremdenden und trostlosen T\u00e4tigkeiten vorbereitet werden, aus denen der gr\u00f6\u00dfte Teil unseres Wirtschaftslebens besteht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Abwertung der Innenwelten, die in der technokratischen Mythologie eine so wichtige Rolle spielt, erf\u00fcllt hier eine wichtige ideologische Funktion. Denn wenn allein der messbare Output des Menschen den Status einer h\u00f6heren Realit\u00e4t erh\u00e4lt \u2013 ob in Form von Schulnoten, Banknoten oder milit\u00e4rischer Feuerkraft \u2013, dann kann jeder Einspruch gegen die Zumutungen des Systems als blo\u00dfe \u201esubjektive Befindlichkeit\u201c abgetan werden. Die M\u00fchlen der Disziplinarinstitutionen, die bereits im Kindesalter greifen und erst mit der Rente enden, f\u00fchren mit der Zeit dazu, dass diese Ideologie Schritt f\u00fcr Schritt verinnerlicht wird und die eigenen Innenwelten zugunsten der Outputsteigerung verdr\u00e4ngt werden. Das Endstadium dieser Entwicklung ist erreicht, wenn es die \u00e4u\u00dferen Befehlshaber gar nicht mehr braucht, sondern jeder Mensch sein eigener Kommandant wird, um aus sich selbst maximale Vorteile im globalen Wettbewerb herauszuschinden. So wird der eigene K\u00f6rper, die eigene Seele, der eigene Geist zum Objekt, zur <em>Ressource<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gro\u00dfe Trennung und die damit verbundene Abspaltung der Innenwelten hat aber auch noch andere tiefreichende Gr\u00fcnde, die in der traumatisierenden Geschichte Europas liegen. Eng mit der Entwicklung der \u00f6konomischen Strukturen der Moderne war der Aufbau gewaltiger Milit\u00e4rmaschinerien verbunden, die bald alles in den Schatten stellten, was die Welt bis dahin gesehen hatte. Seit der Einf\u00fchrung der Feuerwaffen im 14. Jahrhundert setzte eine fast ununterbrochene Kette von immer gr\u00f6\u00dferen Kriegen ein \u2013 vom Hundertj\u00e4hrigen (1337-1453) \u00fcber den Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg (1618-1648) bis zu den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts \u2013, die Generationen von seelisch zutiefst verst\u00f6rten Menschen hinterlie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die renommierte Traumaforscherin Judith Herman schreibt: \u201eTraumatische Ereignisse stellen grundlegende menschliche Beziehungen infrage. Sie verletzen oder zerbrechen die Bindungen der Familie, der Freundschaft, der Liebe und der Gemeinschaft. Sie zertr\u00fcmmern die Konstruktion des Selbst, das durch die Beziehungen zu anderen geformt und aufrechterhalten wird.\u201c[12] Typisch f\u00fcr Traumapatienten ist die sogenannte Dissoziation: das Abspalten von ganzen Gef\u00fchlswelten bis zur seelischen Bet\u00e4ubung (\u201eemotionale An\u00e4sthesie\u201c) und die Entkopplung vom eigenen K\u00f6rper, der als fremd erlebt wird. Das Gef\u00fchl von Sinnhaftigkeit und Koh\u00e4renz des eigenen Lebens und der Welt als Ganzes zerbricht.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Hintergrund jahrhundertelanger kollektiver Traumatisierungen erscheint die Gro\u00dfe Trennung in einem ganz neuen Licht. Die Abkopplung und Ausblendung der Innensichten, des seelischen Erlebens, und die Unf\u00e4higkeit, in Beziehungen zu denken, sind als typische Traumasymptome zugleich charakteristisch f\u00fcr die atomistisch-mechanische Vorstellung der Welt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Zerst\u00f6rung kollektiver Sinngef\u00fcge<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Gro\u00dfe Trennung blieb nicht auf die westliche Welt beschr\u00e4nkt. Mit der milit\u00e4rischen und wirtschaftlichen Expansion Europas wurde schlie\u00dflich der gesamte Erdball in das neue System integriert \u2013 ein Prozess, der f\u00fcr einen gro\u00dfen Teil der Weltbev\u00f6lkerung mit tiefen Traumatisierungen verbunden war. In den USA etwa wurden die Native Americans, die den Genozid \u00fcberlebt hatten, ab Ende des 19. Jahrhunderts einem Programm zur erzwungenen Assimilierung unterzogen. Eine wichtige S\u00e4ule waren dabei die <em>Carlisle Indian Industrial Schools<\/em>, die 1879 von einem General namens Richard Pratt gegr\u00fcndet wurden. Pratt gab die Devise aus: \u201eKill the Indian in him, and save the man\u201c (\u201eT\u00f6te den Indianer in ihm und rette den Mann\u201c). In Hunderten von Internaten wurden Kinder von insgesamt 140 indigenen V\u00f6lkern gezwungen, ihre Kultur, ihre Sprache, ihre Kosmologie und oft sogar ihre Namen aufzugeben. \u201eIndianische Verhaltensweisen\u201c wurden durch k\u00f6rperliche Z\u00fcchtigungen geahndet. \u00c4hnlich verfuhr die australische Regierung: Zwischen 1905 und 1967 riss sie Zehntausende von Aborigines-Kindern mit Gewalt aus ihren Elternh\u00e4usern und deportierte sie in Missionsschulen, um ihre Kultur auszul\u00f6schen. H\u00e4ndler, Milit\u00e4rs und Missionare arbeiteten dabei Hand in Hand, um sich nat\u00fcrliche Ressourcen anzueignen, Arbeitskr\u00e4fte auszubeuten und die Ideologie der westlichen \u00dcberlegenheit zu verbreiten. Nichtwestliche Lebensweisen und Kosmologien wurden so wahlweise als heidnisch, r\u00fcckst\u00e4ndig, irrational oder unterentwickelt gebrandmarkt und systematisch zerst\u00f6rt. Da Kosmologien eine m\u00e4chtige Kraftquelle f\u00fcr Widerstand sein k\u00f6nnen, war ihre Ausl\u00f6schung von Anfang an ein zentraler Pfeiler der Kolonisierung. Heute setzt die Zerst\u00f6rung von indigenen Lebensr\u00e4umen durch Holzplantagen, Minen, Erd\u00f6lbohrungen und andere extraktive Projekte diese d\u00fcstere Tradition fort. Das Ergebnis ist ein beispielloser Schwund an kultureller und sprachlicher Diversit\u00e4t. Laut UNESCO ist heute etwa die H\u00e4lfte der rund 6500 Sprachen, die auf der Welt noch gesprochen werden, akut vom Aussterben bedroht. Alle zehn Tage stirbt eine Sprache.[13]<\/p>\n\n\n\n<p>Kosmologien k\u00f6nnen wie alle komplexen lebendigen Gef\u00fcge auf vielerlei Weisen sterben. W\u00e4hrend es Jahrhunderte oder gar Jahrtausende braucht, bis sie sich entwickelt haben, gen\u00fcgen zu ihrer Zerst\u00f6rung oft wenige Jahre, manchmal sogar nur Tage. Traumatische Erlebnisse wie etwa ein Massaker durch Kolonisatoren oder ein Fl\u00e4chenbombardement k\u00f6nnen in k\u00fcrzester Zeit die \u00fcber Jahrhunderte entwickelten inneren und \u00e4u\u00dferen Gleichgewichte einer Gesellschaft zerschmettern. Schleichender verl\u00e4uft der Zerfall einer Kosmologie durch Eingriffe in die Lebensweise und \u00d6konomie. Doch wenn das komplexe Gewebe von Innen- und Au\u00dfenwelt einmal zerrissen ist, l\u00e4sst es sich nur sehr schwer wieder heilen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zerst\u00f6rung gewachsener Sinngef\u00fcge durch die Expansion der modernen Megamaschine hat in vielen Teilen der Erde ein kosmologisches Vakuum hinterlassen, das mit verschiedenen Namen bedacht wurde. Max Weber sprach von der \u201eEntzauberung der Welt\u201c, Georg Luk\u00e1cs von \u201etranszendentaler Obdachlosigkeit\u201c und Albert Camus von der \u201eAbsurdit\u00e4t\u201c der menschlichen Existenz. Es ist wichtig, sich hier dar\u00fcber klar zu werden, dass diese \u201eEntzauberung\u201c nicht von der Wissenschaft selbst ausging. Die emotional-geistige Entleerung der Welt ist nicht die Folge der wissenschaftlichen Entdeckungen, sondern das Ergebnis eines gewaltsamen traumatischen Prozesses. Wo das Gewebe menschlicher Beziehungen durch strukturelle und physische Gewalt zerrissen wurde, wo die kosmologischen Gef\u00fcge in Tr\u00fcmmern liegen, erw\u00e4chst in den Menschen eine <em>Sehnsucht nach dem Ganzen<\/em>, nach Teilhabe an einem gr\u00f6\u00dferen Sinnzusammenhang, in dem das eigene Leben seinen Platz findet. Diese Sehnsucht hat im Laufe der Moderne verschiedene Suchbewegungen in Gang gesetzt, die k\u00fcnstlerische, religi\u00f6se und politische Formen annahmen. Die Geschichte der Neuzeit ist ohne diesen dialektischen Prozess von Trauma und Suche nach Ganzheit nicht zu verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>So verst\u00e4ndlich, ja notwendig diese Suchbewegung ist, da Menschen nicht dauerhaft ohne ein Sinngef\u00fcge existieren k\u00f6nnen, so sehr birgt sie in unseren atomisierten Industriegesellschaften auch erhebliche Gefahren, besonders wenn die traumatischen Urspr\u00fcnge der kosmologischen Leere verdr\u00e4ngt bleiben. Religi\u00f6ser Fundamentalismus, Nationalismus und Faschismus haben in den vergangenen 150 Jahren immer wieder dazu gedient, die Sehns\u00fcchte nach Verbundenheit und Zugeh\u00f6rigkeit zu einem gr\u00f6\u00dferen Ganzen auszunutzen und in eine destruktive Richtung zu kanalisieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Karl Polanyi hat darauf hingewiesen, dass der Versuch, Menschen zu verf\u00fcgbaren Wirtschaftsatomen zu reduzieren, letztlich die Gesellschaft zerst\u00f6rt und unweigerlich massive Gegenreaktionen provoziert, zu denen auch Nationalismus und Faschismus geh\u00f6ren. Die \u00dcberwindung der Gro\u00dfen Trennung \u2013 nicht nur als Ideologie, sondern auch als gesellschaftliche Praxis \u2013 und die Wiederentdeckung echter Verbundenheiten ist auch in dieser Hinsicht eine \u00dcberlebensfrage f\u00fcr die Menschheit.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Digitalisierung als Radikalisierung der Gro\u00dfen Trennung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl die moderne Physik und Biologie l\u00e4ngst die Vorstellung aufgeben mussten, dass die Welt eine Maschine ist,[14] schreitet die Maschinisierung unserer Lebenswelten immer weiter voran. Es scheint fast so, als sei das Leitbild der Maschine so tief in den genetischen Code dieser Zivilisation eingeschrieben, dass sie allen wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Trotz nicht ruhen wird, ehe sie den gesamten Planeten in eine gigantische Apparatur verwandelt und noch den letzten Rest selbstorganisierten Lebens zum Verschwinden gebracht hat. Die Digitalisierung ist auf diesem Weg nur die j\u00fcngste Etappe. Menschliche Beziehungen werden Schritt f\u00fcr Schritt in Apparate hineinverlagert, an die Stelle direkter sinnlicher Wahrnehmung und Kommunikation treten digitale Schnittstellen. Auf diese Weise werden sowohl die Au\u00dfenwelt als auch der eigene K\u00f6rper immer weiter ausgeblendet. Die Digitalisierung f\u00fchrt damit die Gro\u00dfe Trennung zur \u00e4u\u00dfersten Konsequenz. Das geistig-seelisch-k\u00f6rperliche Kontinuum des Menschen wird an der Wurzel zertrennt, so dass nur noch ein k\u00f6rperloses Beobachtergespenst im Cyberspace \u00fcbrig bleibt. An die Stelle einer verbundenen Mitwelt tritt eine programmierte Weltersatzmaschine. Alles, was Menschen darin noch erleben k\u00f6nnen, ist f\u00fcr sie von anderen pr\u00e4figuriert worden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Digitalisierung der Welt ist umrankt von einer umfangreichen Mythologie, in deren Zentrum der Begriff \u201ek\u00fcnstliche Intelligenz\u201c steht. Das Wort \u201eIntelligenz\u201c suggeriert hier, dass Maschinen in der Lage seien (oder in der Zukunft f\u00e4hig w\u00fcrden), etwas zu erkennen und zu verstehen. Doch Erkennen und Verstehen sind Vorg\u00e4nge, die unl\u00f6sbar mit einer Innensicht verbunden sind. Einige Maschinen werden so programmiert, dass sie Verst\u00e4ndnis und Gef\u00fchle <em>simulieren<\/em>, was man bisweilen auch als \u201eschwache k\u00fcnstliche Intelligenz\u201c bezeichnet; aber das ist nicht mit der Existenz einer Innensicht (\u201estarke k\u00fcnstliche Intelligenz\u201c) zu verwechseln. Es gibt derzeit nicht den geringsten Grund, anzunehmen, dass Rechenmaschinen und Roboter je zu so etwas in der Lage sein werden, gleich wie hoch ihre Rechenleistung ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Der US-Philosoph John Searle hat zu Recht darauf hingewiesen, dass Computer lediglich syntaktische Maschinen sind, die Zeichen prozessieren, ohne ihre Bedeutung zu verstehen.[15] Was Computer <em>tun<\/em>, ist also etwas ganz anderes als das, was Menschen tun, wenn sie denken und sprechen. Auch was Computer <em>sind <\/em>\u2013 der Stoff, aus dem sie bestehen, ihre innere Struktur \u2013, hat keinerlei \u00c4hnlichkeit mit empfindenden und denkenden Wesen. Lebewesen bestehen aus selbstorganisierenden organischen Zellen, nicht aus statischen Halbleiterschaltkreisen. Eine Unterscheidung zwischen Software und Hardware gibt es bei ihnen nicht, denn ihr k\u00f6rperlich-geistiges Kontinuum ist Prozess und Substanz zugleich. Selbst das einfachste Bakterium hat in seiner Organisationsform wesentlich mehr \u00c4hnlichkeit mit einem Menschen als ein Supercomputer. Lange bevor wir Rechenmaschinen menschen\u00e4hnliche Eigenschaften zuschreiben k\u00f6nnten, m\u00fcssten wir zun\u00e4chst einmal den Bakterien dieses Privileg einr\u00e4umen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Mystifizierung von elektronischen Schaltkreisen hat zum einen handfeste \u00f6konomische Gr\u00fcnde. Um milliardenschwere Forschungsgelder und Subventionen sowie \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, werden die M\u00f6glichkeiten von Rechenmaschinen ma\u00dflos \u00fcbertrieben. Doch die Computermythologie reicht noch wesentlich tiefer, bis in die metaphysischen Fundamente der modernen Megamaschine. Einige federf\u00fchrende Akteure des Silicon Valley, darunter Googles Chefentwickler Ray Kurzweil, tr\u00e4umen seit Jahrzehnten davon, den biologischen Menschen abzuschaffen und sein Bewusstsein in ein Netz von Daten \u201eupzuloaden\u201c. Dieser \u201eTranshumanismus\u201c ist weit verbreitet unter den Entwicklern k\u00fcnstlicher Intelligenz. Viele von ihnen erwarten sehns\u00fcchtig in den n\u00e4chsten Jahrzehnten die sogenannte Singularit\u00e4t: den Moment, wenn die Rechenleistungen von Computern die Denkleistungen von Menschen \u00fcberschreiten sollen und die Automaten den k\u00f6rperlichen Menschen \u00fcberfl\u00fcssig machen. In dieser Vision verbinden sich die Gesch\u00e4ftsinteressen des Silicon Valley mit einer radikalen mechanistischen Ideologie: der Vorstellung, dass Lebewesen letztlich nur algorithmische Maschinen seien.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Warten auf den Moment, da der Mensch endlich als k\u00f6rperliches und f\u00fchlendes Wesen ausgel\u00f6scht werden kann, ist symptomatisch f\u00fcr eine technokratische M\u00e4nnerwelt, die von ihrer eigenen Innenwelt so weit abgespalten ist, dass sie Denken, F\u00fchlen und Wahrnehmen von Rechnen \u2013 das Einzige, was Rechner k\u00f6nnen \u2013 nicht mehr unterscheiden kann. Es ist der Endpunkt einer Unterwerfung des Menschen unter die Maschinenlogik. Der Versuch, Menschen in einen Datensatz zu verwandeln, ist Teil einer Kultur des Todes, die alles, was Leben ausmacht \u2013 Spontaneit\u00e4t, f\u00fchlendes Erleben, Selbstorganisation und Kreativit\u00e4t \u2013, durch Abstraktion und Berechnung ersetzt. Ihr Fluchtpunkt ist ein w\u00fcstenartiger Planet, auf dem einsam im dunklen Weltall ein blinkender Riesenrechner steht, der anzeigt, wie viel Geld er gerade verdient.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Der Beitrag basiert auf \u201eDer Stoff, aus dem wir sind. Warum wir Natur und Gesellschaft neu denken m\u00fcssen\u201c, dem j\u00fcngsten Buch von Fabian Scheidler, das soeben im Piper Verlag erschienen ist.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>In der Mai-Ausgabe der \u00bbBl\u00e4tter\u00ab folgt ein weiterer Artikel von Fabian Scheidler, der sich mit m\u00f6glichen Auswegen aus der planetarischen Krise besch\u00e4ftigt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p id=\"quelle1\"><sup>[1]<\/sup> Der Begriff \u201emodernes Weltsystem\u201c wurde von dem US-Soziologen Immanuel Wallerstein gepr\u00e4gt, vgl. Immanuel Wallerstein, Das moderne Weltsystem, Band 1-4, Wien 1986-2012.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"quelle2\"><sup>[2]\u00a0<\/sup>Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung, Weltwirtschaft und internationale Arbeitsteilung, Bonn 2005.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"quelle3\"><sup>[3] <\/sup>Vgl. Fabian Scheidler, Das Ende der Megamaschine, Wien 2015, S. 77-104.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"quelle4\"><sup>[4] <\/sup>Irving Louis Horowitz, The Renaissance Philosophy of Giordano Bruno, New York 1952, S. 27.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"quelle5\"><sup>[5]\u00a0<\/sup>Carolyn Merchant, Der Tod der Natur. \u00d6kologie, Frauen und neuzeitliche Naturwissenschaft, M\u00fcnchen 2020, S. 143.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"quelle6\"><sup>[6]<\/sup>\u00a0Zum Begriff der \u201eGro\u00dfen Trennung\u201c (\u201eGreat Divide\u201c\/\u201eGrand Partage\u201c) vgl. Philippe Descola, Jenseits von Natur und Kultur, Frankfurt a.\u2009M. 2011.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"quelle7\"><sup>[7]\u00a0<\/sup>Zur Entwicklung der Zentralperspektive vgl. das klassische Werk des Kunsthistorikers Erwin Panofsky, Die Perspektive als \u201esymbolische Form\u201c, Leipzig und Berlin 1927.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"quelle8\"><sup>[8]<\/sup>\u00a0Der Begriff Kybernetik (von griechisch kybern\u00e9tes, Steuermann) wurde 1947 von dem Mathematiker Norbert Wiener gepr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"quelle9\"><sup>[9]\u00a0<\/sup>Vgl. Silvia Federici, Caliban und die Hexe. Frauen, der K\u00f6rper und die urspr\u00fcngliche Akkumulation, Wien 2012.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"10quelle\"><sup>[10]<\/sup>\u00a0Karl Polanyi, The Great Transformation. Politische und \u00f6konomische Urspr\u00fcnge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen, Frankfurt a.\u2009M. 1995 [1944].<\/p>\n\n\n\n<p id=\"11quelle\"><sup>[11]<\/sup>\u00a0Gallup Report: State of the Global Workforce, Washington 2013, <a href=\"http:\/\/www.gallup.com\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">www.gallup.com<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"12quelle\"><sup>[12]\u00a0<\/sup>Judith Herman, Trauma and Recovery. The Aftermath of Violence\u00a0\u2013 from Domestic Abuse to Political Terror, New York 1992, S. 51 (\u00dcbers. d. Autors).<\/p>\n\n\n\n<p id=\"13quelle\"><sup>[13]<\/sup>\u00a0Vgl. UNESCO Atlas of the World\u2019s Languages in Danger, <a href=\"http:\/\/www.unesco.org\/languages-atlas\">www.<\/a><a href=\"http:\/\/www.unesco.org\/languages-atlas\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">unesco<\/a><a href=\"http:\/\/www.unesco.org\/languages-atlas\">.org\/languages-atlas<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"14quelle\"><sup>[14]<\/sup>\u00a0Vgl. dazu Fabian Scheidler, Der Stoff, aus dem wir sind, M\u00fcnchen 2021, Kapitel 1-3.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"15quelle\"><sup>[15]<\/sup>\u00a0Vgl. John R. Searle, Minds, Brains, and Programs, in: \u201eThe Behavioral and Brain Sciences\u201d, 3\/1980, S. 417-457.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Aus: <a href=\"https:\/\/www.blaetter.de\/ausgabe\/2021\/april\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u00bbBl\u00e4tter\u00ab 4\/2021<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oder : 500 Jahre moderne Wissenschaft und Kapitalismus Hier ein Artikel aus Bl\u00e4tter 4\/21 Die gro\u00dfe Trennung Die Geburt der technokratischen Weltsicht und die planetarische Krise von Fabian Scheidler Die Krise des durch massive menschliche Eingriffe besch\u00e4digten Lebens auf der Erde, die unter dem Namen Anthropoz\u00e4n firmiert, ist eng mit einem technokratischen Programm verbunden, das&hellip;&nbsp;<a href=\"https:\/\/clan2.netordner.de\/?p=257\" class=\"\" rel=\"bookmark\">Weiterlesen &raquo;<span class=\"screen-reader-text\">Geschichte der Entmenschlichung<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"neve_meta_sidebar":"","neve_meta_container":"","neve_meta_enable_content_width":"","neve_meta_content_width":0,"neve_meta_title_alignment":"","neve_meta_author_avatar":"","neve_post_elements_order":"","neve_meta_disable_header":"","neve_meta_disable_footer":"","neve_meta_disable_title":"","footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-257","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/clan2.netordner.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/257","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/clan2.netordner.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/clan2.netordner.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/clan2.netordner.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/clan2.netordner.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=257"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/clan2.netordner.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/257\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":262,"href":"https:\/\/clan2.netordner.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/257\/revisions\/262"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/clan2.netordner.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=257"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/clan2.netordner.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=257"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/clan2.netordner.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=257"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}